Strom kommt aus der Steckdose, klar. Doch bevor er bei dir ankommt, durchläuft er einen der spannendsten Märkte Europas: die Strombörse.

Der Börsenstrompreis ist die Grundlage für fast jeden Tarif in Deutschland und schwankt im Viertelstundentakt. Je mehr günstiger Wind- und Solarstrom im Netz ist, desto niedriger fällt der Preis aus. Drehen Gas- oder Kohlekraftwerke hoch, geht es nach oben.

Hier bekommst du eine klare Erklärung, wie die Strompreise an der Börse zustande kommen, welche Märkte es gibt, was das Merit-Order-Prinzip damit zu tun hat und warum dein Stromtarif trotzdem oft ganz anders aussieht.

Außerdem zeige ich dir, wann sich ein dynamischer Tarif lohnt und welche Faktoren den Preis am stärksten treiben.

Was ist der Börsenstrompreis überhaupt?

Der Börsenstrompreis ist der Großhandelspreis, zu dem Strom zwischen Erzeugern, Stadtwerken, Industriebetrieben und Händlern gehandelt wird. Er entsteht ähnlich wie der Kurs einer Aktie: durch Angebot und Nachfrage. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Strom im großen Stil bisher kaum speicherbar ist. Es muss in jeder Sekunde exakt so viel produziert werden, wie verbraucht wird. Genau das macht den Handel so dynamisch.

Wichtig zu wissen: Der Preis, den du auf deiner Stromrechnung siehst, ist nicht identisch mit dem Börsenpreis. Er ist nur ein Baustein. Hinzu kommen Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen. Trotzdem ist der Großhandelspreis der wichtigste Hebel, weil er den Wettbewerb zwischen den Anbietern bestimmt.

Die zwei wichtigsten Handelsplätze

In Europa gibt es im Wesentlichen zwei Bereiche, an denen Strom gehandelt wird:

  • Terminmarkt (EEX in Leipzig): Hier wird Strom für die Zukunft gekauft, also für die nächste Woche, den nächsten Monat oder sogar mehrere Jahre im Voraus. Das gibt Versorgern und Großabnehmern Planungssicherheit und schützt vor plötzlichen Preissprüngen.
  • Spotmarkt (EPEX SPOT in Paris): Hier dreht sich alles um das Hier und Jetzt. Auf dem Day-Ahead-Markt wird der Strom für den Folgetag in stündlichen Blöcken gehandelt. Auf dem Intraday-Markt sind sogar Geschäfte bis fünf Minuten vor der Lieferung möglich. Praktisch, wenn z. B. plötzlich der Wind nachlässt.

Daneben gibt es noch den OTC-Handel (over the counter), bei dem zwei Parteien direkt miteinander handeln, oft über Broker. Das ist üblich bei sehr großen Mengen oder speziellen Vertragsbedingungen.

Spotmarkt und Terminmarkt im direkten Vergleich

MerkmalSpotmarkt (EPEX SPOT)Terminmarkt (EEX)
LieferzeitraumHeute bis morgenWochen, Monate, Jahre
Kleinste Einheit15 MinutenMonat, Quartal, Jahr
PreisbildungAktuelle Nachfrage & WetterErwartung & Absicherung
RisikoHohe SchwankungenPlanbar, stabil
Wichtig fürDynamische TarifeFestpreis-Tarife

Das Merit-Order-Prinzip: Wer setzt den Preis?

Der zentrale Mechanismus auf der Strombörse heißt Merit-Order-Prinzip, frei übersetzt: die Reihenfolge der Vorteilhaftigkeit. Es regelt, welche Kraftwerke ihren Strom verkaufen dürfen und wie viel Geld sie dafür bekommen.

So läuft das ab:

  1. Sortieren nach Grenzkosten: Alle verfügbaren Kraftwerke werden nach ihren variablen Produktionskosten aufgereiht. Erneuerbare wie Wind und Sonne haben keine Brennstoffkosten und stehen ganz vorne.
  2. Nachfrage decken: Die Kraftwerke werden in dieser Reihenfolge zugeschaltet, bis der gesamte aktuelle Strombedarf gedeckt ist. Erst Erneuerbare, dann Kernkraft (international), dann Braunkohle, Steinkohle, zum Schluss Gas und Öl.
  3. Das Grenzkraftwerk bestimmt den Preis: Das letzte benötigte Kraftwerk legt den Preis für alle fest. Wenn also ein Gaskraftwerk gerade noch gebraucht wird, bekommt auch der Betreiber eines Windparks diesen hohen Gas-Preis ausgezahlt.

Das klingt erstmal merkwürdig, ist aber wirtschaftlich sinnvoll: Es gibt einen starken Anreiz, möglichst günstig zu produzieren. Wer unter dem Marktpreis bleibt, macht mehr Gewinn.

Der Merit-Order-Effekt in der Praxis

An sonnigen und windreichen Tagen decken Erneuerbare oft einen Großteil der Nachfrage. Teure Kohle- und Gaskraftwerke bleiben aus, der Börsenstrompreis sackt nach unten. In Extremsituationen rutscht er sogar in den negativen Bereich. Dann zahlen Stromproduzenten Geld dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt. Klingt absurd, ergibt aber Sinn: Manche Kraftwerke lassen sich nicht einfach abschalten, und es ist günstiger, kurzfristig draufzuzahlen, als komplett vom Netz zu gehen.

Umgekehrt sorgen sogenannte Dunkelflauten, also Phasen ohne Wind und Sonne, für einen rasanten Preisanstieg. Dann müssen teure fossile Kraftwerke hochgefahren werden, was sich sofort im Großhandelspreis bemerkbar macht.

Welche Faktoren bewegen den Börsenstrompreis?

Der Preis an der Börse ist nie statisch. Folgende Punkte beeinflussen ihn am stärksten:

  • Wetter: Wind und Sonne drücken den Preis. Flaute und bewölkter Himmel treiben ihn nach oben.
  • Brennstoffpreise: Steigt der Gaspreis am Weltmarkt, wird auch der Strom in den Stunden teurer, in denen Gaskraftwerke laufen müssen.
  • CO₂-Zertifikate: Wer fossile Brennstoffe verfeuert, muss Verschmutzungsrechte kaufen. Werden die teurer, schlägt das direkt auf den Strompreis durch.
  • Tageszeit und Nachfrage: Morgens und am frühen Abend ist der Verbrauch am höchsten, Mittagszeit und Nacht eher günstig.
  • Saisonale Schwankungen: Im Winter ist mehr Verbrauch, im Sommer liefern Solaranlagen oft so viel, dass die Preise mittags stark fallen.
  • Geopolitik: Konflikte, Sanktionen oder politische Entscheidungen können die Brennstoffmärkte und damit den Strompreis massiv bewegen.
  • Kraftwerksverfügbarkeit: Wartungen, Ausfälle oder Trockenheit (Kühlwasser) reduzieren das Angebot.

Laut Marktberichten lag der durchschnittliche Spotmarktpreis Ende 2023 bei rund 68 € pro Megawattstunde, nachdem er im Dezember 2022 noch über 250 € erreicht hatte. Das zeigt, wie stark der Markt reagieren kann.

Aus diesen Bestandteilen setzt sich dein Strompreis zusammen

Damit du den Bezug zur eigenen Rechnung hast: Der Strompreis im Haushalt teilt sich grob in drei Blöcke.

BestandteilAnteil (ca.)Was steckt dahinter?
Beschaffung & Vertriebca. 52 %Großhandelspreis + Marge des Anbieters
Netzentgelte & Messungca. 21 %Transport, Wartung, Zähler
Steuern, Abgaben, Umlagenca. 27 %Stromsteuer, Mehrwertsteuer, KWKG, Konzessionsabgabe u. a.

Der Wettbewerb spielt sich also vor allem im ersten Block ab. Netzentgelte und staatliche Bestandteile sind für alle Anbieter gleich. Wenn du Tarife vergleichst, lohnt sich der Blick auf den Arbeitspreis und den Grundpreis, weil dort die Unterschiede liegen.

Mehr dazu findest du in unserem Ratgeber zu Stromtarif wechseln [interner Link] und Strom sparen im Haushalt [interner Link].

Festpreis-Tarif oder dynamischer Tarif: Was passt zu dir?

Hast du einen klassischen Festpreis-Tarif, merkst du von den stündlichen Schwankungen nichts. Dein Anbieter hat das Risiko über den Terminmarkt abgesichert. Du zahlst pro Kilowattstunde immer denselben Preis, egal ob gerade die Sonne scheint oder ein Gaskraftwerk läuft.

Bei einem dynamischen Stromtarif wird der Spotmarkt-Preis stündlich an dich weitergegeben. Das kann sich richtig lohnen, wenn du flexibel bist und Verbraucher wie Waschmaschine, Wärmepumpe oder Wallbox in günstige Stunden legen kannst. Je mehr du verlagern kannst, je günstiger bekommst du den Strom. Wer dagegen kaum Spielraum hat und nur abends Strom braucht, kann mit dynamischen Tarifen auch draufzahlen.

Eine ausführliche Gegenüberstellung findest du in unserem Beitrag Dynamischer Stromtarif: Lohnt sich das? [interner Link].

Häufige Fehler beim Thema Börsenstrompreis

  • Den Börsenpreis mit dem Endkundenpreis verwechseln. Der Großhandel ist nur ein Teil der Rechnung.
  • Nur auf einen Tagespreis schauen. Strompreise schwanken im Viertelstundentakt, ein Durchschnitt sagt oft mehr als ein Einzelwert.
  • Dynamischen Tarif abschließen, ohne flexible Verbraucher. Ohne smarte Steuerung verpasst du die günstigen Stunden.
  • Negative Preise als „Gratis-Strom für alle“ verstehen. Für Endkunden bleiben Steuern, Abgaben und Netzentgelte trotzdem fällig.
  • Annehmen, der Strommix in der Steckdose sei direkt steuerbar. Strom ist physikalisch immer eine Mischung. Grüner Strom wird über Herkunftsnachweise abgebildet.

FAQ rund um Börsenstrompreis und Strombörse

Wo wird Strom in Deutschland gehandelt?

Der deutsche Großhandel läuft hauptsächlich über die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig für Termingeschäfte und über die EPEX SPOT in Paris für den kurzfristigen Handel. Beide Plattformen sind eng miteinander verbunden und decken große Teile Europas ab.

Warum gibt es manchmal negative Strompreise?

Negative Preise entstehen, wenn sehr viel Wind- und Solarstrom ins Netz fließt und gleichzeitig wenig verbraucht wird. Da sich manche Kraftwerke nicht kurzfristig herunterfahren lassen, zahlen Erzeuger lieber drauf, als ihre Anlagen abzuschalten. Das passiert oft an Feiertagen oder windreichen Wochenenden.

Bekomme ich als Privatkunde den Börsenstrompreis direkt?

Nur mit einem dynamischen Stromtarif wird der Spotmarkt-Preis stündlich an dich weitergegeben. Bei klassischen Tarifen kalkuliert dein Anbieter im Voraus und gleicht Schwankungen über den Terminmarkt aus.

Was ist das Merit-Order-Prinzip in einem Satz?

Alle Kraftwerke werden nach Produktionskosten sortiert, das teuerste noch benötigte Kraftwerk legt den Preis für alle fest, die in dieser Stunde Strom liefern.

Sinken die Strompreise wieder auf das Niveau vor 2022?

Mittelfristig eher nicht. Die meisten Marktbeobachter rechnen damit, dass die Preise im Schnitt höher bleiben als vor der Energiekrise. Gründe sind unter anderem steigende Netzentgelte durch den Netzausbau, die fortschreitende Elektrifizierung von Verkehr und Heizung sowie volatile Brennstoffmärkte.

Was ist der Unterschied zwischen Spot- und Terminmarkt?

Auf dem Spotmarkt wird Strom für den nächsten Tag oder die nächsten Minuten gehandelt, auf dem Terminmarkt für Wochen, Monate oder Jahre im Voraus. Spot ist volatil, Termin gibt Planungssicherheit.

Welche Rolle spielen erneuerbare Energien für den Preis?

Sehr große. Wind und Solar haben kaum laufende Kosten und drücken den Preis im Merit-Order. Je mehr Erneuerbare im Netz sind, desto häufiger bleiben teure Kraftwerke aus, und desto günstiger wird Strom an der Börse.

Fazit

Die Strompreise an der Börse sind kein Mysterium, sondern folgen klaren Regeln. Angebot und Nachfrage treffen am Spot- und Terminmarkt aufeinander, das Merit-Order-Prinzip sortiert die Kraftwerke, und das teuerste noch nötige Kraftwerk legt den Preis fest. Wetter, Brennstoffkosten und CO₂-Preise bewegen den Markt im Minutentakt.

Für dich als Verbraucher heißt das: Der Börsenstrompreis ist die Basis, aber nicht das Ende. Steuern, Abgaben und Netzentgelte machen am Ende fast die Hälfte deiner Rechnung aus.

Wer flexibel ist und smarte Verbraucher steuern kann, profitiert von dynamischen Tarifen. Wer es lieber planbar mag, bleibt beim Festpreis und überlässt das Risiko dem Anbieter. Wichtig ist, dass du verstehst, was hinter dem Preis steckt, dann kannst du auch fundiert entscheiden, welcher Tarif zu dir passt.

🏷️ Tags: , , , ,

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert